#saytheirnames

Macht und Missbrauch: Warum gerade Julian Reichelt nicht über Machtmissbrauch sprechen sollte.

Kommentar von Autorin Nadine Primo

Während die Medien von der Unterwanderung der Bauernproteste durch Rechtsextreme und der AfD berichten, spricht Reichelt von der Unterwanderung des Volkes durch die queere Community mit ihren pädofreundlichen Ideen, geschützt von niemand anderem als den GRÜNEN – wie absurd ist das bitte?! Dabei kennt Reichelt selbst sich mit Grenzüberschreitungen wohl am besten aus, wie auch dieser X-Post vom 16.01 (mal wieder) bewiesen hat.

Der Hintergrund von Fake-Nius-Reichelt

Julian Reichelt, allen bekannt als Ex-“Bild”-Chef und dank der Recherchen der New York Times seit September 2021 im Fokus eines Macht- und Missbrauchsskandals, der beispielhaft für patriarchale Machtstrukturen am Arbeitsplatz steht und die Debatte über sichere Arbeitsbedingungen von weiblich gelesenen Menschen erneut entfacht hat. Der BOYS CLUB, eine achtteilige Podcast Reihe von Pia Stendera und Lena von Holt auf Spotify, beleuchtet nicht nur die Vergehen Reichelts, anhand mehrerer Interviews mit ehemaligen Mitarbeiterinnen und Praktikantinnen, sondern gibt zudem auch Einblick in ein System, das Täter, also weiße cis-Männer, schützt und gewähren lässt.

Reichelt, dem unter anderem Drogenkonsum am Arbeitsplatz und Affären mit mehreren jungen Mitarbeiterinnen sowie anschließendes Mobbing und Ausnutzen vorgeworfen wurden, musste den Axel Springer Verlag kurzerhand verlassen, denn er wurde noch im Oktober 2021 entlassen. Reflektion, Läuterung? Fehlanzeige! Anders ist das, was Reichelt vor einigen Tagen auf X postete, nicht zu verstehen. 

Nach seiner Entlassung und kurzem Untertauchen wartete Reichelt mit einem neuen eigenen Presse-Kanal auf. NIUS, auf den ersten Blick eine Mischung aus Fox News und Schwurbler-Kanal, richtet sich an ein rechts-konservatives Publikum, Geldgeber unbekannt, besser gesagt: intransparent.

Reichelt hetzt gezielt gegen Queere Community

Wenig erstaunlich und doch überraschend geschmacklos ist der Post vom 16.01 (oben zu sehen), in dem Reichelt die queere Bewegung auf ihre Pädo-Freundlichkeit hin untersucht hat und sie als Erben oder besser gesagt Auswüchse, der von GRÜNEN propagierten frühkindlichen freien Sexualerziehung bezeichnet. 

Genauer gesagt geht es Reichelt, wie er in seinem Post anmerkt, um den Skandal in den 80er Jahren, als die GRÜNEN über die Straffreiheit von pädo-sexuellen Handlungen diskutiert und diese auch programmatisch unterstützt haben. Hintergrund war die Überlegung, dass man (potenzielle) Straftäter:innen so besser kontrollieren und früher eingreifen könnte. Dass das eine Verfehlung in der frühen Parteigeschichte war und keineswegs weiterhin eine Zielsetzung grüner Politik, haben die GRÜNEN in den 2010er Jahren umfassend aufgearbeitet.

Aber das ist Julian egal, denn laut ihm verfolgen die GRÜNEN einen Plan, um ihre „kranke Ideologie“ durchzusetzen und das Volk mittels Drag Queens und Trans Kids vom rechten Weg abzubringen – genau. Wundert mich, dass er nicht auch noch die „und sie trinken ihr Blut“-Karte gezogen hat, wer weiß, vielleicht steht das Q in QAnon in Wirklichkeit für „Queer“? Und am Ende haben sogar die Illuminaten etwas damit zu tun. 

weiß, cis, männlich, hetero, machtgeil sucht ein weiteres Feindbild. 

Darüber hinaus fällt Reichelt schon seit langem mit der Übernahme rechter Narrative auf, weshalb die Verunglimpfung der queeren Community ein gefundenes Fressen ist, denn sie widerspricht dem völkischen Weltbild als auch traditionellen Geschlechterrollen. Er spricht von Minor attracted persons, Trans-Kids und Drag-Queens, als wären es drei trendige Jugendbewegungen. Und dass, obwohl es sich beispielsweise bei (jungen) Transmenschen um Menschen handelt, die „im falschen Körper geboren wurden“, deren bei der Geburt anhand von anatomischen Merkmalen zugewiesenes Geschlecht nicht ihrer Geschlechtsidentität entspricht – sie sind nicht cis.

Die Rede ist von einer Minderheit, die um mehr Selbstbestimmungsrechte kämpft, was das mit pädo-sexuellen Handlungen zu tun haben soll, weiß wohl nur Julian Reichelt selbst. „Minor attracted persons“ ist ein Begriff, der die Anziehung zu jüngeren, post-pubertären Menschen knapp unterhalb der rechtlichen Altersgrenze meint. Öffentlich wird dieses Label dafür kritisiert, dass es Pädophilie trivialisiert und Täter straffrei davonkommen lässt. Dazu muss man sagen, dass diese Art der Anziehung in der Psychologie nicht zu den pädophilen Verhaltensstörungen zählt, zumal explizit keine Kleinkinder oder Kinder gemeint sind.  

Es wirkt ein wenig so, als wäre Julian das GRÜNEN-Bashing im Kontext Heizungsgesetz und Bratwurst-Verbot auf die Dauer selbst zu langweilig geworden, weswegen er in der grünen Skandal-Kiste gräbt und nach programmatischer Kohärenz für seine abstrusen Vorwürfe sucht. Außerdem ist Angriff, wie wir alle wissen, die beste Verteidigung und wenn einer weiß – was nicht bedeuten soll, dass er es versteht – was Sex und Machtmissbrauchsskandale mit der eigenen Karriere sowie gesellschaftlichem Ansehen machen, dann Julian Reichelt.

Letztlich klingt dieser X-Post schon auch ein wenig wie das Geplärre eines trotzigen Kindes, das sich rächen will. Und eins sollte wohl klar sein: Rache ist nie ein gutes Motiv, vor allem dann nicht, wenn sie auf Kosten einer eh schon diskriminierten und strukturell benachteiligten Minderheit geht.

Ebenso wie ihm sehr wohl klar sein sollte, dass er Feindbilder weiter manifestiert und damit zur Spaltung der Gesellschaft beiträgt. Aber wie hat er in seinem letzten Reel so schön gesagt „Es geht dem Menschen immer um Macht…“, ja und wenn man die nicht mehr am Arbeitsplatz ausleben kann, indem man seine Kolleginnen drangsaliert, dann schafft man eben Feindbilder und heizt die gesellschaftliche Stimmung weiter an.

Der Beweis? Die Kommentarspalte, ein Potpourri aus Menschenhassern, Verschwörungstheoretiker:innen und viel Frustration – eine gefährliche Mischung. Ein Beispiel: In München sollte im Sommer 2023 eine Lesung für Kinder von einer Drag-Queen abgehalten werden. Es ging darum, Diversität sichtbarer zu machen, doch am Ende musste die Veranstaltung unter Polizeischutz ausgeführt werden, weil rechte Netzwerke sich mobilisiert hatten und in die Bibliothek eindrangen. Fraglich, vor wem die Kinder letztlich mehr Angst hatten: der lesenden Drag-Queen oder der rechtsextremen Meute, die mit Parolen und Buh-Rufen ein angespanntes Klima erzeugte.

NIUS und Reichelt sind radikal rechtsoffen

Konklusion: Reichelts radikal rechts-konservativer Redaktionsplan macht auch vor diskriminierten Minderheiten nicht Halt, vor allem dann nicht, wenn es ihm hilft, rechte Narrative zu bedienen. Feindbilder konstruieren und manifestieren, statt aufklären. Das scheint das Ziel von NIUS zu sein.

Was ich mich bei all dem frage ist, wie narzisstisch und beratungsresistent muss ein Mensch sein, der selbst nach seinem Missbrauchsskandal darauf abzielt, eine diskriminierte Minderheit – die queere Community – des Missbrauchs von Minderjährigen zu beschuldigen, geschützt von Teilen der amtierenden Regierung, und somit weiterer Gefahr von außen auszusetzen.

„In der Kunst ist alles erlaubt“, würde Till Lindemann wohl sagen – allerdings ist Julians Spielfeld ein anderes und seine Aussagen am Ende nicht bloß ein frauenverachtender Teaser auf YouTube, sondern eine rechtspolitische sowie -populistische Einstellung, die sich gegen sexuelle Vielfalt richtet und Queerness als abnormal diffamiert.

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